Müritz und meer ...

29. Oktober 2006 - Patsch, machte der Kugelfender und platzte. Das kommt selten vor, da musste wohl schon eine Ankerfluke zuvor reingeritzt haben. Die blaue Kugel war nur wenig zusammengedrückt worden, als wir in der Box in Waren an der Müritz anlegten. Es blieb die einzige Macke auf unserer Tour über die Müritz und die Mecklenburgische Seenplatte zwischen Rechlin und Plau. Wenn wir auch am nächsten Tag Angst hatten, unser Verdeck zu verlieren.

Am einzigen Regentag ein bezaubernder Regenbogen am Fleesensee. (Foto © Jo Achim Geschke/ www.motoryachten-und-meer.de)

Zwischen den Stegen in Waren ist es eng für 11,20 Meter Bootslänge.  Die 10 Tonnen schwere Yacht gehorcht aber dem Ruder, dreht langsam nach Steuerbord den Bug auf die Box zu.  Phillipp neben mir am Steuerstand schaut nach achtern auf die näherkommenden Hecks der dort liegen Yachten und sagt ruhig “Noch drei Meter, noch zwei ...” Ich lege den Hebel nach vorn, drehe weiter rein in die Box. Jetzt noch ein ganz klein wenig Bugstrahlruder: Passt. Bis mir nach dem Übergeben der Vorleine einer den Bug ranzieht, das Heck ausschwenkt. Naja - die auf’m Steg wissen immer alles besser. Hier fahren etliche im Wortsinne Anlege-Manöver - kommen die alle von der Marine?  Wohl nicht. Die Bugstrahlruder klappern allüberall.  

Zum ersten Mal als Segler mit einer 10-Tonnen-Motoryacht, 11,20 Meter lang : Mal sehen, wie das geht. Und zum ersten Mal an der Müritz und den Mecklenburgischen Seen - endlich. Um es gleich zu sagen: Wir fuhren Anfang Juli - und es war nicht voll!  Dafür erlebten wir idyllische Anlegeplätze, wundervoll friedliche Seen, von unberührter Natur gesäumte Ufer an den Kanälen und viele sehr nette Menschen.


Hinreißender Himmel über Waren bei Sonnenuntergang. (Foto © Jo Achim Geschke/ www.motoryachten-und-meer.de)

Waren ist ein sehr schön restauriertes altes Städtchen - aber schon etwas zu touristisch. Am Abend im Stadthafen ruft ein Skipper  einem 12-Meter-Boot hinterher, das gerade erfolglos einen Liegeplatz gesucht hat: “Wie kann man denn um 19 Uhr hier reinkommen und noch einen Liegplatz erwarten?!” Richtig - wir haben nach unserer ersten Fahrt quer über die Müritz schon um 15 Uhr angelegt. Und neben dem freien Platz auch noch genug Zeit gehabt, schon mal die Stadt anzusehen, ein Eis zu essen, frischen Fisch zu kaufen. Den gibts hier überall an den Mecklenburg-Vorpommerschen Seen - und zwar frisch gefangen und geräuchert. Wie gehen in Waren am Hafen gleich um die Ecke, zu den “Müritzfischern”, und kaufen frischen Wels - ja: Wels! Und frisch geräucherten Müritzbarsch. Köstlich!    


Mit Anlauf kommt man überall durch ...

Der voll belegte Hafen von Waren - 180 Boote - wird langsam still im Abendlicht. In den Fenstern der Yachten und Boote spiegelt sich der Sonnenuntergang. Unser Stegnachbar sitzt auf einer 12-Meter-Yacht.  
Der Mann hat Humor: “Mit Anlauf kommt man überall durch”, sagt er und lehnt sich mit einem Glas in der Hand gemütlich zurück auf seiner 12-Meter-Yacht. Wir haben ihn gefragt, ob er durchgekommen ist, an der Brücke dahinten im Reekkanal. Ist er - sagt er. Denn auf der Karte steht für die Autobahnbrücke eine Durchfahrtshöhe von 3,80 Meter, und unser Boot hat eine Höhe von 3,85 Meter. Und Anlauf? Hier sind nur 12 oder gar neun Stundenkilometer erlaubt. Gemütliches Wasserwandern auf der Müritz und den Seen nebenan, der Mecklenburgischen Seenplatte.  Wandern mit kleinen Hindernissen. Wir wollen da durch, durch den Kanal mit seiner Brücke, und noch viel mehr entdecken.

Wir sind am Claassee gestartet, einem idyllischen kleinen See im Südsüdosten der Müritz, der von seinem “Hafendorf Müritz” bekannt geworden ist. Unternehmer Kuhnle hat hier nicht nur seine riesige Charterbasis aufgebaut mit seinen etwas eckigen Hausbooten. Er hat auch dafür gesorgt, dass hier eine Ferienhaussiedlung mit schmucken Holzhäusern entstand. Wir haben allerdings nicht bei Kuhnle gechartert, sondern bei MYM (Müritz Yacht Management): Eine Babro 11,20 - eine niederländische Motoryacht, die auf 11,20 Meter mit zwei Kabinen mitsamt Dusche, Salon und Dinette genug Platz für uns vier bietet.

Müritz kommt von einem alten slawischen Wort für Meer - deshalb nur Müritz, ohne See. Diese “Mürz” ist größer als der deutsche Teil des Bodensees, und über viele Kanäle und weitere kleinere Seen mit der Ostsee, der Elbe  und im Süden auch mit Berlin verbunden. Mit dem Boot können Skipper von Rostock oder Rügen also bis ins Berliner Regierungsviertel fahren. Aber dahin wollen wir jetzt wirklich  nicht.


Der 80 PS Diesel blubbert leise, als wir am nächsten Tag in durch den Reekkanal Richtung Kölpingsee, Fleesensee und Plauer See starten. “Vorsicht Lebensgefahr - Wisente” steht in der Karte - diese Urviecher lassen sich aber nicht blicken, sie werden Touristenfreundlich etwas weiter landein in Dabrow gefüttert. Wir sehen sie nicht. Dafür Schilfufer, ursprüngliche, unverbaute Natur, Raubvögel am Himmel so hoch, dass sie auch mit dem Fernglas nicht als Seeadler zu erkennen sind.

Wir queren den Fleesensee und gleiten auf Malchow zu, machen fest beim “Wasserwanderrastplatz”.  Diese Anleger an den Seen betreiben etliche Kommunen -  und machen meist Minus, meint ein Hafenmeister hinter vorgehaltener Hand. Sie werden deshalb auch meist von Vereinen ehrenamtlich betreut.

Blesshühner mit ihren Jungen und eine Schwanfamilie mit sechs “hässlichen Entlein”  empfangen uns noch vor dem Hafenchef  in Malchow. Vom Boot geht der Blick geruhsam zu den Schilfufern, den für ganz Mecklenburg-Vorpommern  typischen hölzernen Bootshäusern und den matt gelb glänzenden Feldern am fernen Ufer, rythmisch unterbrochen von Bäumen und Büschen. Die Hektik ist von uns abgefallen - wir Wasserwanderer sind angekommen. Malchow, die Märchenhafte, die Schönste der Seenplatte.


Ein Fischreiher wartet an den typischen Bootshäusern auf sein Frühstück. (Foto © Jo Achim Geschke/ www.motoryachten-und-meer.de)

Malchow war einst ein Städtchen, das zum Teil auf einer Insel lag. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Damm gebaut, der beide Dörfer verband. Und heute unterhält ein Verein die wundervoll anachronistische historische Drehbrücke in Malchow, die nur alle Stunde öffnet und den Weg freigibt zu den nächsten Seen. Der Brückenwärter steht am Geländer, und sammelt mit einem Stock samt Säckchen wie bei der Kirchen-Kollekte Spenden von den Booten. Manche Bootsleute ärgerts, Meilenfresser zumal  - sie haben noch nicht die Ruhe erreicht wie wir.


Malchow lockt zudem mit einem 1298 gegründeten Kloster mitsamt Kirche. Die ist heute ein orgelmuseum, denn in Meckpomm waren im 19. Und 20. Jahrhundert etliche bekannte und berühmte Orgelbauer tätig. Organisten aus der Schweiz oder den Niederlanden kommen noch heute zu Konzerten hierher. Wir essen nur wenige Schritte entfernt gut und oft in der “Klosterklause” - und die steht wiederum direkt an unserem Liegplatz, denn die Crew der Klause betreibt auch den Wasserwanderplatz.


Beim Besuch auf keinen Fall vergessen: Das DDR-Museum ! Die Malchower haben sich gewehrt und verhindert, dass ihr altes Kino, der kleine “Film-Palast”, abgerissen wird. Und haben in ihm mit viel Enthusiasmus ein wunderbares Stück deutscher Geschichte eingerichtet. Manches kennt der West-Besucher aus einen eigenen alten Tagen.
 In den Räumen Fernseher und Heizspiralen aus den 60ern wie im Westen, das komplett abgestellte Wohnzimmer sieht aus wie aus Deutschland West  Baujahr 1958.

Zum Einkaufen muss man übrigens vom Boot aus ein wenig laufen - also empfiehlt sich ein Bord-Fahrrad für den Einkauf.


Natur pur gleich neben dem Boot in Malchow (Wasserwanderrastplatz). (Foto © Jo Achim Geschke/ www.motoryachten-und-meer.de)

Gerne zu Fuß sind wir auch in Plau unterwegs, am großen Plauer See. Hier verblüfft die “Hühnerleiter”, eine hölzerne Fußgängerbrücke über die Schleuse zur Müritz-Elde-Wasserstraße, die bis nach Schwerin führt. Die erste Schleuse wurde schon um 1650 erwähnt, der jetzige Bau stammt von 1834 und wurde zuletzt 1998 renoviert. Hier geht es höchstens 1,20 Meter hinunter - gemütlich also. Von der Schleuse aus wird auch ganz gemütlich auf einen Anruf des Skippers hin die einige hundert Meter entfernte Hubbrücke bedient, die aus dem Jahr 1917 stammt und sehr gut restauriert wurde. Der Hafen kurz davor, betrieben vom seglerverein, bietet kleineren Booten und einigen großen Yachten Platz und viel Komfort, die sanitären Anlagen sind hervorragend. Der Hafenmeister hilft immer gern und kompetent. Und gleich über die Brücke, am Kanal, bietet ein Fischerhaus wieder mal frischen Fisch.

Frischen Müritz-Fisch genießen wir - nach einem nochmaligen Abstecher in Malchow - auch wieder am Claassee, im Captains Inn, nach unserer Rückkehr. Am beschaulichen, kleinen Natursee mitten in einem Wald stehen die typischen  Bootshäuser im seichten Uferwasser, einst von Fischern gebraucht, heute als Bootsgaragen und Wochenend-Häuschen benutzt. Morgens und abends kommt ein Fischreiher vorbei, sucht und findet Nahrung, und ein Roter Milan, eine Habichtart, kreist hoch über dem Wasser. Die Schwalben dippen im Flug ins Wasser und fangen Insekten, hinterlassen Wellenkreise wie die Fische, die ausgelassen über treibende Halme springen. Das saubere Wasser lockt gerade in dieser Hitze zum Schwimmen.

Ach ja - die niedrige Brücke im Reeckkanal ... Die konnten wir mitsamt Verdeck passieren, es waren noch 50 Zentimeter Platz.  Die Karten - egal welche - stimmen nicht so ganz, damit die Wasserwanderer vorsichtig sind, sagte der Hafenmeister. Beim nächsten Mal wissen wir Bescheid.....


Die Müritz kann auch rau werden: Hier bei Beaufort sechs. (Foto © Jo Achim Geschke/ www.motoryachten-und-meer.de)

Tipps:
Die Müritz erstreckt sich auf etwa 24 Kilometer Länge und 13 Kilometer Breite, die benachbarten Seen und Häfen sind mit Tagestouren über Kanäle zu erreichen. Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern (MV)  gibt Broschüren mit Adressen der Vercharterer heraus, die Boote zwischen acht und 13 Meter vermieten. Informationen: www.auf-nach-mv.de


Wir charterten bei Müritz Yacht Management MYM in Claassee. Die 11,20 Meter lange, 10 Tonnen schwere "Babro" bietet maximal 5 Schlafplätze, kostet in der Hauptsaison  rund 1800 Euro pro Woche und kann bequem zu viert belegt werden. Dieselverbrauch rund 4 bis 6 Liter / Stunde. Die Häfen kosten pro Nacht mit vier Personen etwa 13 bis 18 Euro inklusive Strom, Duschen meist ein Euro. DDR-Museum Malchow: www.ddr.museum.ist.online.ms


Die besten Unterlagen zur Planung und Übersicht - auch während des Törns - geben die Törnplaner und Törnführer von Quick-Maritim, Information unter  www.quickmaritim.de


Text und Fotos © :
Jo Achim Geschke/ www.motoryachten-und-meer.de
www.segelfotos-und-meer.de

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